Der "Emotional Turn": Wie Markus Gabriel das neue Zeitalter der menschenähnlichen KI datiert

Der "Emotional Turn": Wie Markus Gabriel das neue Zeitalter der menschenähnlichen KI datiert

Prof. Dr. Markus Gabriel, Inhaber des Lehrstuhls für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn, präsentierte in seinem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern am 3. Oktober 2025 eine tiefgreifende Analyse des rasanten Fortschritts der Künstlichen Intelligenz (KI). Die zentrale Botschaft des Philosophen ist, dass die Technologie bereits eine neue, anthropologisch signifikante Stufe erreicht hat, die einen Emotional Turn markiert. Anstatt sich in Debatten über Regulierungen wie den EU-AI-Act zu erschöpfen, liege die einzige strategische Option Europas und der Schweiz darin, eine technologische Führungsposition einzunehmen.

Gabriel zufolge hat KI bereits heute die Fähigkeit, alles zu leisten, was sich digitalisieren lässt, und zwar besser als der Mensch. Dies sei aber nur der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende die KI zu einem interaktiven Gegenüber des Menschen reifen wird. Dieses Gegenüber wird nicht nur Gespräche führen, sondern auch ein immer besseres Verständnis dafür entwickeln, "wie man tickt".

Der Philosoph stellte seine Überlegungen in einem dreiteiligen Rahmen vor, der von einem Update zum "Ethischen Kapitalismus" über eine Stellungnahme zum Monopolismus der Digitalkonzerne bis zur Hauptthese des Emotional Turn reichte.


Die neue Ära der KI: Der 13. Mai 2024 als Stichtag

Die neueste Entwicklungsstufe der Künstlichen Intelligenz, die Gabriel als Emotional Turn bezeichnet, kann laut seiner Aussage präzise datiert werden: Der 13. Mai 2024 markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter. Mit dieser emotionalen Wende überschreitet die Technologie die bisherigen Grenzen reiner Rechenleistung und Sprachmodellierung. Gabriel, der unter anderem ein Institut in New York zur Kooperation von Geisteswissenschaften und KI-Forschung mit aufgebaut hat, betonte, dass die neuesten Erkenntnisse von der Forschungsfront, insbesondere aus Japan, die Notwendigkeit dieses Paradigmenwechsels belegen.

Die philosophische Bedeutung dieser Wende liegt in der neuen Interaktionsqualität. Wenn KI zunehmend in der Lage ist, menschliches Verhalten, Emotionen und moralische Tatsachen zu erkennen und darauf zu reagieren, wird sie zu einem unmittelbaren Partner im menschlichen Alltag. Diese Entwicklung ist, so Gabriel, nicht aufzuhalten und erfordert eine proaktive Gestaltung statt einer reaktiven Regulierung.


Ethischer Kapitalismus als Basis für technologische Führung

Um die technologische Entwicklung nicht den "Kapitalnebelbomben aus den USA und China" zu überlassen, muss das richtige wirtschaftliche Fundament vorhanden sein. Gabriel erneuerte seine Forderung nach einem Ethischen Kapitalismus. Dieser Kapitalismus ist definiert durch drei fundamentale Errungenschaften, die es zu bewahren gilt: Vertragsfreiheit (als Negation des Feudalismus), eine freie Marktwirtschaft (als Negation der Planwirtschaft) und das reinvestierbare Privateigentum.

Besonders der dritte Punkt, das reinvestierbare Privateigentum, sei entscheidend für die KI-Revolution. Um etwa in der Schweiz das nächste große, energieeffiziente Large Language Model (LLM) zu entwickeln, bedarf es Kapitals. Dieses Kapital muss aus der Unternehmerschaft stammen. Gabriel identifizierte die geringe Risikokapitalgeberbereitschaft in der Schweiz im Vergleich zu ihrer Innovationskraft als einen der Hauptgründe, warum Innovationen in den Märkten noch nicht ausreichend skalieren. Die technologische Führung im Zeitalter der KI erfordere ein Ökosystem, das Unternehmertum und Risikobereitschaft aktiv fördert.


Moral als Labor und die Rolle des Unternehmertums

In seiner philosophischen Konzeption betrachtet Gabriel das Unternehmertum und die Wirtschaft als das "moralische Labor der Menschheit". Er zieht die Analogie zum CERN: So wie CERN das physikalische Labor für die theoretische Physik ist, verhalten sich Unternehmen zur Ethik. Die These ist, dass die Ethik als wissenschaftliche Disziplin, die moralische Tatsachen (was Menschen einander schulden) studiert, ohne die Normsysteme der Wirtschaft keinen Fortschritt machen kann.

Die Tätigkeit der wirtschaftlichen Praxis löse ständig unternehmerische Probleme und sei die Grundlage moderner Gesellschaften. Aus dieser Praxis können Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie der Mensch als moralisches Lebewesen tatsächlich funktioniert. Gabriel betont, dass es sich dabei nicht um Moralisieren handelt, sondern um die empirische Erfassung moralischer Werte in realem Verhalten.

Die Möglichkeit, moralische Erkenntnisse zu gewinnen und zu universalisieren, ist direkt mit der KI-Entwicklung verknüpft. Mithilfe von Computersimulationen und der mathematischen Idee der Äquivalenzklassen über hinreichend ähnliche Situationen, können moralische Tatsachen skaliert und analysiert werden. Die KI liefert demnach nicht nur Rechenpower, sondern wird zum Werkzeug, um die moralische Beschaffenheit der Menschheit überhaupt erst in ihrer vollen Komplexität zu verstehen und den Emotional Turn in der Anwendung zu meistern.


Monopolismus als Kollateralschaden

In Abgrenzung zu marxistischen oder strukturalistischen Thesen argumentierte Gabriel, dass der Monopolismus der Digitalkonzerne – den man in den USA, China, aber auch in den verzweifelten industriepolitischen Maßnahmen Europas sehe – ein Kollateralschaden des Kapitalismus sei, der keineswegs strukturell angelegt ist.

Seine philosophische Haltung des Neuen Realismus lehnt die Vorstellung ab, dass die Geschichte oder der Kapitalismus notwendigerweise bestimmten Dialektiken folgt. Da der Mensch frei sei, folge "nichts notwendigerweise in der Geschichte aus irgendetwas anderem". Diese Freiheit impliziere die Möglichkeit, den Monopolismus durch bewusste, freiheitliche wirtschaftspolitische Entscheidungen zu überwinden und eine gerechtere Verteilung der Innovationskraft – wie der Entwicklung einer führenden KI – zu fördern.

Zusammenfassend stellt Gabriel die These auf, dass die KI-Revolution mit dem Emotional Turn bereits in eine Phase eingetreten ist, in der sie ein menschenähnliches, interaktives Gegenüber wird. Die Reaktion Europas auf diese Entwicklung darf nicht im Versuch enden, die Technologie durch Gesetze zu "zähmen", sondern muss in einer technologischen und wirtschaftsethischen Offensive bestehen. Nur wer das wirtschaftliche Fundament des reinvestierbaren Privateigentums stärkt und das Unternehmertum als moralisches Innovationslabor versteht, kann die Spitze der technologischen Entwicklung anführen und das neue Zeitalter der emotionalen KI gestalten.

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