Warum manche KI-Expert:innen „die KI“ nicht verstehen

Warum manche KI-Expert:innen „die KI“ nicht verstehen

KI hat sich innerhalb kurzer Zeit von einem Thema für Wissenschaftler:innen und Nerds zu einem Massenphänomen entwickelt. Kaum jemand hat keine Erfahrungen, die auf die eine oder andere Weise mit künstlicher Intelligenz in Zusammenhang stehen. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Interaktionen mit bekannten LLMs (Sprachmodellen). Und das Heer der KI-Expert:innen ist sich einig: Nachdem man etwa ChatGPT mit schwierigen Problemen herausgefordert hatte, wie etwa nach der eigenen Biografie zu fragen oder irgendwelche mathematischen Probleme zu lösen, reichen die Reaktionen von „KI macht Fehler“ bis „schlicht unbrauchbar“.

Wer sich nun aber tiefer in die Materie einarbeitet, erfährt, dass man sich bei der Entwicklung von KI sehr eng an der menschlichen Biologie orientiert hat. So wurden beispielsweise künstliche neuronale Netzwerke geschaffen, die unter anderem selbstlernende Fähigkeiten besitzen. Dabei geht es weniger um eine exakte biologische Kopie unseres Gehirns, sondern vielmehr um eine funktionale Verwandtschaft: KI ist in ihrem Verhalten und ihrer Interaktion dem Menschen nachempfunden – sie agiert phänomenologisch menschlich. 

Nun wissen wir, dass Perfektion im Kontext menschlichen Schaffens nicht existiert. Es geht mir dabei nicht um einen eins-zu-eins-Vergleich der technischen Fehlerentstehung, sondern um die grundsätzliche Erkenntnis: Wo menschliches Wirken die Basis bildet, ist Fehlerfreiheit eine Illusion. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass auch die Daten und Prozesse beim Trainieren von KI-Modellen fehlerbehaftet sein müssen. Seien wir ehrlich: Wer flunkert im Alltag nicht zwischendurch ein bisschen oder ist nicht mal ein wenig „kreativ“, wenn er oder sie mit Fragen konfrontiert wird, bei deren Beantwortung profundes Fachwissen notwendig wäre, über das man nicht verfügt, man sich aber trotzdem keine Blöße geben will?

„KI“ ist eben kein weiteres Computerprogramm, von dem erwartet werden kann, dass es – abgesehen von dem einen oder anderen Bug – einwandfreie Ergebnisse liefert. „KI“ ist dem Menschen nachempfunden, zumindest in Teilen, und somit zutiefst menschlich. Das impliziert, dass „KI“ nicht perfekt sein kann. 

Wenn es um Fehler geht, die von uns selbst oder anderen Menschen tagtäglich gemacht werden, sind wir weniger kleinlich. Floskeln wie „Nobody is perfect“, „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ oder „Irren ist menschlich“ zeigen, dass wir im Umgang mit menschlichem Versagen relativ großzügig sein können. 

Wer von künstlicher Intelligenz Perfektion erwartet, hat sie nicht verstanden. Etwas, das dem menschlichen Verhalten nachempfunden wurde, dessen Wissen auf von Menschen geschaffenen Grundlagen beruht und das in der Interaktion mit Nutzenden möglichst menschliches Verhalten simulieren soll, kann per se nicht perfekt sein. „KI“ ist also zutiefst menschlich, weshalb man attestieren kann: Ziel erreicht. 

Nur wer diese Grundsätze verinnerlicht hat, ist reif für das Abenteuer „KI“. „Willst du den hier Anwesenden... [...] ...in guten wie in schlechten Zeiten ...?“ An dieser Stelle wäre ein „Ja, ich will!“ verpflichtend. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die KI und ihre Entwicklung noch in den Kinderschuhen befinden. Somit sollte die Aussage „Die KI, die du heute nutzt, wird die schlechteste gewesen sein, die du je genutzt haben wirst“, zum Dogma werden. 

Wir sollten also Nachsicht zeigen im Zusammenhang mit KI-Modellen. Wenn Ergebnisse fehlerhaft sind und Modelle halluzinieren – wie es in der Fachsprache heißt –, dann kann das einerseits an unserem falschen Verständnis der Fähigkeiten von KI liegen und andererseits daran, dass diese menschlicher zu sein scheint, als uns oft lieb ist. 

Und es sollte uns klar sein: KI besitzt die menschliche Fähigkeit, sich selbstständig mit Wissen zu versorgen, und gleichzeitig die übermenschliche Fähigkeit, dies in kürzester Zeit in gigantischem Umfang zu tun. KI lernt also exponentiell, und ähnlich verhält es sich mit ihrer Entwicklung: Sie erstreckt sich von Trainingsdaten und -methoden bis hin zu Speicherkapazität, Chips und Rechenzentren. 

Wenn wir uns nun also auf das Abenteuer „KI“ einlassen, sollten wir deren gigantisches Potenzial gezielt ausschöpfen und zu unserem Vorteil nutzen. Gleichzeitig sollten wir uns der Fallstricke bewusst sein. Wie beim menschlichen Pendant kennen wir die Stärken und Schwächen und stellen uns entsprechend darauf ein. Der Unterschied zu uns Menschen ist jedoch, dass die Schwächen von KI-Systemen mit schwindelerregender Geschwindigkeit abnehmen. Hier trennen sich unsere Wege: Während wir in unserer menschlichen Fehlbarkeit verharren, strebt die KI durch ihre exponentielle Lernkurve eine Perfektion an, die uns biologisch verwehrt bleibt. In diesem Sinne wird die KI zunehmend ‚unmenschlicher‘, da sie das menschliche Maß hinter sich lässt und in Bereiche vorstößt, die wir als übermenschlich bezeichnen müssen. Ob uns das Angst machen sollte, kann jeder für sich selbst entscheiden. Fest steht: Wir gehen äußerst spannenden Zeiten entgegen.

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