Der KI-Hype, der keiner ist

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Der KI-Hype, der keiner ist

Vielleicht bin ich einfach nur hypersensibel, was die Semantik, den Ausdruck und die deutsche Sprache betrifft. Wer weiß das schon? Aktuell stört mich die Wortkombination „KI-Hype" im Zusammenhang mit dem aktuell stattfindenden Wandel. Jeder kann sich gerne über die Bedeutung des Wortes „Hype" informieren oder sich darüber Gedanken machen. Was wir gerade erleben, ist vieles, nur kein Hype.

Der Reflex jener, die denken, wir hätten es im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz gerade mit einem Hype zu tun, ist, dass man sich im besten Fall in eine Art Beobachterposition begibt, um abzuwarten, was geschieht. Phänomenen, denen der Stempel „Hype" aufgedrückt wird, haften gewisse Stigmata an. Sie sind von kurzer Dauer, überbewertet und etwas für Risikofreudige.

In einer Welt des rasanten Wandels sind die daraus resultierenden Gefahren vielfältig. Wer nur beobachtet, steht in der Regel still. Die Entscheidung für den Stillstand, während sich alles um einen herum fortbewegt, kann fatale Folgen haben. Wer diese Entscheidung damit begründet, dass es sich um einen Hype handele, hat die Technik der künstlichen Intelligenz und deren Einfluss auf unsere Gesellschaft nicht im Ansatz verstanden.

Ein Problem ist, dass KI in der breiten Masse synonym mit Chatbots wie ChatGPT verwendet und betrachtet wird. Weil diese Sprachmodelle scheinbar so intuitiv zu bedienen sind und Menschen im Zuge der Digitalisierung auf den Umgang mit Software konditioniert sind, erwarten sie einen deterministischen Output, doch genau diese Erwartungen werden oft enttäuscht. Die (sozialen) Medien sind voll mit Berichten darüber, wo und wie Sprachmodelle grandios gescheitert sind. Sie suggerieren, dass alles halb so schlimm sei und beruhigen Menschen, die um ihre über hunderttausende von Jahren gewachsene Stellung als vorherrschende Spezies und intelligente Wesen bangen. Dabei spiegeln genau diese Berichte weniger das Scheitern einer neuen Technik wider, sondern zeigen die Kompetenzlücken derjenigen auf, die sie nutzen.

Ein weiteres, viel größeres Problem ist, dass Sprachmodelle lediglich die Spitze des Eisbergs dessen darstellen, wozu künstliche Intelligenz fähig ist. Der Einsatz von KI zeigt sich etwa bei Qualitätskontrollen in Fabriken, Sicherheitsüberwachung oder medizinischer Diagnostik. Machine-Learning-Modelle analysieren große Datenmengen, um beispielsweise Nachfrage, Ausfallwahrscheinlichkeiten oder Preisentwicklungen zu prognostizieren. Auch ohne große Sprachmodelle kommen statistische und neuronale Verfahren für Spracherkennung und maschinelle Übersetzung zum Einsatz. KI steuert zudem autonome Fahrzeuge und Roboter, die ihre Umgebung erfassen und auf wechselnde Situationen reagieren.

Wenn es beispielsweise um Proteinfaltung geht, um einen konkreten Anwendungsfall zu nennen, lieferte KI innerhalb weniger Tage oder Wochen Strukturen in einem Umfang, für den man experimentell sonst Jahre bis Jahrzehnte gebraucht hätte. Dadurch lassen sich biologische Abläufe im Körper und Krankheiten besser verstehen, was wiederum die Suche nach neuen Medikamenten unterstützt. Durch KI-Systeme wie AlphaFold wurde die Geschwindigkeit gegenüber konventionellen Verfahren um mehrere Größenordnungen gesteigert, von einzelnen Strukturen pro Jahr zu hunderttausenden bis hin zu hunderten Millionen Strukturvorhersagen in wenigen Jahren.

Allein dieser Anwendungsfall, oder „Use Case", wie es neudeutsch im Zusammenhang mit durch KI zu lösenden Problemen heißt, zeigt das enorme Potenzial dieser Technik. Use Cases gibt es zu Millionen, und ihre Zahl vervielfältigt sich fast exponentiell, ebenso wie die entsprechenden KI-Lösungen. Ob wir wollen oder nicht: Es ist eine Entwicklung, die unsere Welt und die Menschen, die auf ihr leben, umgestaltet. All das ist kein Hype.

Diese Entwicklung als Hype zu betrachten, wird der Tragweite des Phänomens bei Weitem nicht gerecht. Wenn wir das Wort „Hype" schon ins Spiel bringen wollen, dann trifft das auf einzelne Entwicklungen, Tools und Lösungen zu. So wurde im Frühjahr 2023 die Idee autonomer Agenten unter dem Namen AutoGPT in einer Art Rausch hochgespielt. Ein Programm, das sich selbst Teilaufgaben stellt und diese eigenständig abarbeitet, schien der nächste große Sprung zu sein, und das Projekt schoss in Rekordzeit auf über hunderttausend Sterne. Ein paar Monate später war die Euphorie verflogen. Die Agenten liefen in Schleifen, verhedderten sich an realen Aufgaben und verbrannten Rechenzeit, und heute fragt kaum noch jemand nach ihnen. Das war ein Hype im eigentlichen Wortsinn, laut, kurz und ohne Substanz darunter.

KI hingegen wird nicht durch eine andere Technik abgelöst und morgen wird diesbezüglich auch nicht eine andere Sau durchs Dorf getrieben. KI wird besser und sich noch schneller entwickeln. Sie wird ihren Einfluss auf unser Leben ausweiten, und vor allem: KI wird bleiben.

Meine Empfehlung ist, sich mit dem Phänomen auseinanderzusetzen, als Unternehmen, als Organisation, aber vor allem als einzelner Mensch. Scheuklappen aufzusetzen oder gar den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine Strategie, sondern Resignation. Wer über einen Kontinent reisen will, sattelt keinen Gaul, sondern bucht einen Flug.

Das bedeutet jedoch nicht, dass man Entwicklungen ihren Lauf lassen soll oder sie nicht kritisch betrachten muss, im Gegenteil. Gerade weil die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf uns Menschen so enorm sind, bedarf es einer kritischen Betrachtung. Nur dürfen wir uns bei aller Kritik nicht selbst ein Bein stellen. Das gilt speziell für Europa. Im reinen Wettrennen um Rechenleistung und Kapital ist man hier weit zurückgefallen, und das lässt sich kurzfristig kaum aufholen. Doch daraus zu schließen, Europa könne nichts Substanzielles beitragen, wäre voreilig. Mit Apertus haben die EPFL, die ETH Zürich und das nationale Hochleistungsrechenzentrum CSCS im Herbst 2025 ein großes, vollständig offenes Sprachmodell vorgelegt, öffentlich finanziert und quelloffen bis hin zu Gewichten und Trainingsdaten, und noch 2026 erscheinen weitere Versionen. Das ist kein kurzlebiger Hype, sondern ein echter Impuls aus dem Herzen Europas, und er kommt aus der Schweiz.

Die eigentliche Gefahr ist deshalb nicht der Hype, sondern sein Gegenteil. Es ist die Versuchung, echte Entwicklung als Hype abzutun und sie am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, wie es Europa mit manchem seiner Champions bereits getan hat. Ob aus Apertus eine nächste, stärkere Generation wird, hängt denn auch weniger vom Können ab als davon, ob genug Geld zusammenkommt. Solche Impulse braucht es noch viele, und sie entstehen nur, wenn wir künstliche Intelligenz als Ganzes ernst nehmen und nicht als vorübergehende Mode.

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