Industrieland Deutschland: Stärke und Schwäche zugleich

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Industrieland Deutschland: Stärke und Schwäche zugleich

Ein Land, das nach zwei Kriegen buchstäblich am Boden lag, rappelte sich auf. Und nicht nur das: Innerhalb kurzer Zeit wird es zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder dieser Welt. Wer kennt sie nicht, Begriffe wie Wirtschaftswunder oder Exportweltmeister? Dahinter stehen viel Einsatz, harte Arbeit und Disziplin. Es steht ein System dahinter, das zu diesem Erfolg geführt hat. Ein System, das einem Land und seiner Gesellschaft innerhalb einer historisch kurzen Zeit zu Wohlstand und Erfolg verholfen hat.

Der Ehrgeiz und Einsatz eines ganzen Landes haben es zu einem Vorzeigeobjekt gemacht, zu einer Schule des Erfolgs, zu einem Vorreiter der Technik in vielen Bereichen. Dies fußte jedoch auch auf gewissen Unternehmenskulturen und Führungsstrategien. Kulturen und Strategien, die maßgeblich zum Erfolg Deutschlands beigetragen haben. Genau diese Systeme haben den Erfolg ermöglicht, und sie waren perfekt auf diese Epoche und ihre Bevölkerung zugeschnitten. Doch was passiert, wenn eine Epoche zu Ende geht und eine neue beginnt?

In historischen Maßstäben betrachtet, erfolgte der Übergang vom Industriezeitalter ins digitale Zeitalter über Nacht. Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt. Für die Menschen, die den Wandel jedoch in Echtzeit miterlebt hatten, vollzog er sich allmählich. Technischer Fortschritt und neue Entwicklungen veränderten ihr Umfeld nach und nach. Das Internet wurde zunehmend als Spiegel des realen Lebens genutzt: Unternehmen hatten eigene Domains und Webseiten, die als Statussymbol, Marketingwerkzeug und Servicetool eingesetzt wurden. Die E-Mail begann, dem Brief den Rang abzulaufen, und Mobiltelefone gewannen gegenüber Festnetzanschlüssen an Bedeutung. Die Welt wuchs zusammen und wurde schneller.

Plötzlich konnten Informationen global und in Echtzeit ausgetauscht werden. Die Kommunikation war von fast überall und mit jedem möglich. Die Kapazitäten von Datenspeichern wuchsen exponentiell, während die Speicherung immer billiger wurde. Gesellschaften konnten sich über Landesgrenzen hinweg austauschen und Nachrichtenmonopole wurden aufgeweicht. All dies führte zu einer massiven soziokulturellen Veränderung. Menschen, deren Eltern noch in langsam entwickelnden Systemen ihr Dasein fristeten und fast selbstlos ihre Ressourcen einem Arbeitgeber widmeten und ihr Leben opferten, wollten selbst nicht in einem solchen Zyklus landen. Heute möchte man selbstbestimmter sein, sinnstiftende Arbeit erledigen und vor allem rückt das eigentliche Leben weiter in den Mittelpunkt, Stichwort Work-Life-Balance.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen und Entwicklungen korrespondieren jedoch nicht mit dem im Industriezeitalter fast zur Perfektion entwickelten System. Weil dieses System in seiner Zeit so gut war und Deutschland zu einem der erfolgreichsten Länder der Welt gemacht hat, fällt es den Menschen schwer, loszulassen und Veränderungen herbeizuführen. Was nicht sein kann, darf einfach nicht sein.

Dass ein erfolgreiches System sich so hartnäckig gegen Veränderung wehrt, ist kein Versagen, sondern Logik. Was ein Land über Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat, sind nicht nur Fabriken und Maschinen, sondern eingeschliffene Kompetenzen, Institutionen und Denkweisen. Genau dieses unsichtbare Kapital, das den Aufstieg getragen hat, wird im Moment des Umbruchs zum Gewicht, das nach unten zieht. Der Widerstand ist immer dort am stärksten, wo der frühere Erfolg am größten war. Hinzu kommt die Tücke, dass das Alte noch funktioniert. Es funktioniert gut genug, um das Bessere, aber Ungewohnte gar nicht erst ernsthaft zu erproben. Und während sich die Welt im Außen rasant verändert, braucht der Mensch im Innern Zeit. Bevor er das Neue beginnen kann, muss er das Alte loslassen, und genau das fällt jenen am schwersten, deren Selbstverständnis am Alten hängt.

Das angesprochene Problem betrifft nicht nur Unternehmen. Weitreichender und schwerwiegender sind die Folgen jedoch in der Verwaltung, im Bildungssystem und in der Politik. Das Beamtenwesen hat die Verwaltung zu einem schwerfälligen Apparat gemacht, in dem Veränderung nur langsam stattfindet. Wer hier etabliert ist, spürt den Erfolgsdruck des freien Marktes weniger unmittelbar, und so dringt der Veränderungsdruck von außen oft nur gedämpft nach innen.

Das Bildungssystem wurde über Jahrzehnte von der Wirtschaft beeinflusst und hat dieser zugearbeitet. Es diente dazu, Bedarfe zu erfüllen und das von der Wirtschaft benötigte „Humankapital" in absehbaren Zeitabständen bereitzustellen. Obwohl Expert:innen seit vielen Jahren mahnen, dass dieser Sektor dringend erneuert werden muss, hat sich kaum etwas getan.

Die Politik war immer stärker an Legislaturperioden gebunden und weniger zukunftsorientiert. In Zeiten langsamer Veränderungen mag eine solche Strategie nicht so sehr ins Gewicht gefallen sein. Heute jedoch, in einer Welt des raschen Wandels, müssen die Prioritäten schleunigst anders gesetzt werden.

Die Versäumnisse Deutschlands betreffen nicht einzelne Sparten und Branchen, sondern sind ein Phänomen von einem Ausmaß, das den Wohlstand des Landes ernsthaft gefährden könnte. Zu lange hat man sich im eigenen Erfolg gesuhlt und nicht bemerkt, dass sich die Welt da draußen und mit ihr die Bedürfnisse der Menschen im Land verändert haben.

Der vielzitierte Fachkräftemangel ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis politischer, institutioneller und unternehmerischer Entscheidungen. In alternden Gesellschaften ist die demografische Entwicklung zwar eine harte Rahmenbedingung, aber sie legt weder den Umfang noch die Schärfe der Engpässe fest.

Global betrachtet fehlt es nicht an Menschen mit Arbeits- und Entwicklungspotenzial, sondern an funktionierenden Brücken zwischen diesen Potenzialen und den Zielmärkten. Viele Regionen mit jungen, wachsenden Bevölkerungen bilden Fachkräfte aus oder könnten sie mit überschaubarem Qualifizierungsaufwand entwickeln – sie kommen aber oft nicht dort an, wo sie gebraucht werden.

Dafür gibt es zwei zentrale Gründe: Zum einen verhindern oder verzögern komplexe Visaverfahren, Anerkennungsprozesse und zersplitterte Zuständigkeiten die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, obwohl Gesetze formal liberalisiert wurden. Zum anderen verlieren Länder mit langsamen, sprachlich und kulturell wenig anschlussfähigen Systemen im Wettbewerb gegen Standorte, die Migration aktiv vereinfachen, digitalisieren und als strategisches Projekt verstehen.

Wer in einer schrumpfenden Bevölkerung den Arbeitsmarkt weiterhin primär national denkt, betreibt Risiko, kein Risikomanagement. OECD, nationale Institute und Branchenverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass ohne kräftige Nettozuwanderung die Lücke aus dem Renteneintritt der Babyboomer nicht geschlossen werden kann – und gleichzeitig andere Länder ebenfalls um dieselben Talente konkurrieren.

Hinzu kommt: Selbst im Inland bleiben enorme Reserven ungenutzt. Die Erwerbsbeteiligung Älterer könnte durch flexiblere Ausstiegsmodelle, gezielte Weiterbildung und weniger starre Altersbilder deutlich steigen. Bei Frauen bremsen Steuer- und Betreuungssysteme sowie Arbeitszeitmodelle eine höhere Arbeitszeit und den Aufstieg in qualifizierte Positionen, obwohl Unternehmens- und arbeitsmarktpolitische Strategien genau hier einen der stärksten Hebel sehen.

Schließlich erledigen wir noch immer Tätigkeiten manuell, die sich durch Automatisierung, Digitalisierung und KI entlasten oder ersetzen ließen – und binden damit Fachkräfte in Routinen, statt ihre Qualifikation auf höherwertige Aufgaben zu fokussieren. Fachkräftemangel ist daher weniger ein Mangel an Menschen, als ein Mangel an modernisierten Strukturen: in Migration, Bildung, Arbeitsorganisation und Technologieeinsatz.

Deutschland ist in vielen Bereichen immer noch Vorreiter, droht diese Stellung aber durch Kulturprobleme zu verlieren. In Zeiten der Verunsicherung greift ein alter Reflex: Je unübersichtlicher die Gegenwart, desto verführerischer wird das Versprechen, einfach zur vermeintlich heilen Vergangenheit zurückzukehren. Es ist menschlich. Es ist nur leider genau die falsche Richtung. Progressiven Stimmen wird zu selten Gehör geschenkt, und so bleibt das Land hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Die Reaktionen vieler deutscher Unternehmen und der Politik tragen noch immer die Handschrift des Industriezeitalters. Es gibt durchaus Ausnahmen, Hidden Champions, einzelne Inseln gelungener Verwaltungsdigitalisierung, Vorzeigeprojekte. Doch sie bleiben Inseln, weil das System sie nicht in die Fläche bringt. Viel zu selten wird realisiert, dass es sich bei Digitalisierung und KI nicht ausschließlich um technische Phänomene handelt, sondern dass ganze Gesellschaften umgestaltet wurden. Den dadurch entstandenen Problemen mit Industriezeitalterlogik zu begegnen, bedeutet, sich das eigene Grab zu schaufeln.

Die Digitalisierung in Deutschland, und nicht nur da, beginnt in den Köpfen und endet bei der Technik, nicht umgekehrt. Menschen in Führungspositionen und PolitikerInnen haben Vorreiterrollen. Sie sind es, die die Richtung vorgeben. Wer diese Problematik an IT-Abteilungen oder Fachgruppen delegiert, verliert weiter.

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