Was bleibt, wenn Maschinen alles Berechenbare übernehmen
Es ist irgendwann mitten in einer Nacht. Ein zweiundachtzigjähriger Mann erhebt sich leise aus seinem Bett. Es ist alles geordnet. Die Firma, die er fünfundfünfzig Jahre lang geführt hat, ist übergeben, an die eigenen Kinder. Alles in guten Händen. Kein Vertrag offen, kein Streit, nichts. Und trotzdem findet in dieser Nacht ein einziger Gedanke keinen Widerspruch mehr: "Zu was bist du eigentlich noch da? Du wirst nicht mehr gebraucht." Der Mann schleicht leise aus dem Zimmer. Er ist Jäger und er weiß, wo die Waffe liegt. Langsam hebt er sie hoch, gegen seine Schläfe. Er setzt an, den Finger am Abzug. Doch im letzten Moment geht plätzlich eine andere Hand dazwischen. Es ist die seiner Frau. Sie hatte ihn aufstehen gehört, war ihm nachgegangen. Behutsam nimmt sie nimmt sie dem Mann die Waffe aus der Hand.
Der Mann ist Wolfgang Grupp, der Patriarch von Trigema, einer der bekanntesten Unternehmer Deutschlands. Was ihn in jener Nacht beinahe das Leben gekostet hätte, war keine Krankheit im engeren Sinn, kein Schicksalsschlag, kein Verlust im üblichen Vokabular. Es war der Wegfall einer Funktion. Man hat es ihm später als Altersdepression erklärt; er selbst hat über das Wort nie nachgedacht. Er hat nur gewusst, dass mit der Aufgabe auch der Grund verschwunden war, morgens aufzustehen.
Ich erzähle diese Szene nicht, um einen alten Mann vorzuführen. Im Gegenteil. Bei dem Moment, in dem sich Wolfgang Grupp in einer Talkshow outet, handelt es sich um die ehrlichste Sekunde, die das deutsche Wirtschaftsfernsehen je gezeigt hat, und sie sagt mehr über das Industriezeitalter aus als jede Zahl, jede Hierarchie, jeder Achtstundentag. Denn die tiefste Prägung dieser Epoche sitzt nicht im Prozess. Sie sitzt im Selbstbild. Sie lautet, als Gleichung geschrieben: Wert gleich Gebrauchtwerden gleich Leistung. Diese Gleichung kennt keine zweite Variable. Wenn die Leistung wegfällt, fällt der Wert. Wenn der Mensch nicht mehr gebraucht wird, bleibt von ihm nichts übrig, das noch gebraucht würde.
Wir glauben gerade, das große Thema unserer Zeit sei eine Maschine, die uns die Arbeit wegnimmt. Wir reden über künstliche Intelligenz, als wäre der Verlust der Aufgabe das Drama. Aber Grupps Nacht zeigt etwas anderes. Das Drama ist nicht, dass die Aufgabe verschwindet. Das Drama ist, dass wir uns über die Aufgabe definiert haben. Die Maschine übernimmt das Berechenbare – bei Grupp haben es schlicht die Kinder übernommen, dieselbe Bewegung, derselbe Effekt. Und in dem Moment, in dem das Berechenbare übernommen ist, stellt sich die einzige Frage, die zählt: Bleibt danach noch ein Mensch übrig? Oder bleibt nur eine Funktion, die plötzlich arbeitslos geworden ist und nicht weiß, wer sie ohne ihre Arbeit sein soll?
Grupp ist die Vorschau. Was er in einer einzigen Nacht durchlebt hat, werden Millionen Menschen über Jahre erleben, wenn das Berechenbare in ihrem Beruf automatisiert wird – und niemand vorher die Frage gestellt hat, was am Menschen eigentlich das Unberechenbare ist. Die Sachbearbeiterin, die ihre Tabellen nicht mehr füllt. Der Analyst, dessen Modell die Maschine schneller rechnet. Der Berater, dessen Folien ein Sprachmodell in Sekunden baut. Für jeden von ihnen wird sich derselbe Satz melden, leiser vielleicht, über Monate verteilt, aber im Kern derselbe: Zu was bist du eigentlich noch da?
Und hier wird Grupp interessant, hier kippt das einfache Urteil. Denn er ist nicht das imposantge Fossil aus dem Industriezeitalter, für das man ihn halten möchte. Er ist ehrlich in seiner Art. Der Wandel der digitalen Transformation hat sein Bewusstsein nie erlangt. Bei ihm hängt die Funktion noch an echten Menschen. Der Handschlag statt des Vertrags. Das Wort, das gilt. Fünfundfünfzig Jahre, in denen er niemanden entlassen, keine Stunde kurzgearbeitet hat, auch durch die Pandemie nicht. Das ist keine Effizienzlogik. Das ist eine Bindung, und Bindung ist genau jene unberechenbare Substanz, von der ich in meinem Buch "Schnittstelle Mensch" behaupte, dass sie die Automatisierung überlebt.
Die wirklich gefährliche Figur ist deshalb nicht Grupp. Es ist sein Nachfolger im Geiste: der Manager, der Grupps Identitätswunde behält, sie aber digitalisiert und skaliert. Der den Selbstzwang industrialisiert und die Loyalität wegrationalisiert. Der dem Menschen weiterhin einredet, sein Wert sei seine Leistung – und ihm gleichzeitig die Leistung wegautomatisiert, ohne ihm je gesagt zu haben, was außer der Leistung an ihm zählt. Grupp band seine Funktion wenigstens an Loyalität. Dieser Manager behält die Wunde und verliert die Bindung.
Damit sind wir zurück bei der Frage, die über diesem Text steht. Was bleibt, wenn Maschinen alles Berechenbare übernehmen? Grupp ist die Warnung, nicht die Antwort. Seine Nacht zeigt, was passiert, wenn ein Mensch sich vollständig über das Berechenbare definiert hat: Es bleibt ihm nichts, sobald es ihm genommen wird. Die Aufgabe für uns – für jede Führungskraft, für jede Organisation, für jeden Einzelnen – ist nicht, das Berechenbare zu verteidigen. Diese Schlacht verlieren wir ohnehin. Die Aufgabe ist, rechtzeitig andere Variablen in die Gleichung zu schreiben. Bevor die Dunkelheit kommt.
Denn die Frau, die in dieser Geschichte die Waffe aus der Hand nimmt, ist keine Strategie. Sie ist Glück. Und auf Glück lässt sich kein Lebensentwurf bauen – und keine Wirtschaft, die ihre Menschen behalten will.