Selbsterhaltungstrieb vs. künstliche Intelligenz
Warum 95 % der KI-Piloten scheitern — und was das mit einer Schlachtszene zu tun hat.
Ich bin auf dem Land aufgewachsen, direkt neben einem Bauernhof. Jedes Jahr, irgendwann im Spätherbst, gab es beim Nachbarn schon früh am Morgen ein riesiges Spektakel. Es war Schlachttag und die fetteste Sau musste daran glauben.
Der Trog mit dem siedenden Wasser stand schon bereit, und der Schlachter wartete mit dem Bolzenschussgerät in der Hand. Was fehlte, war nur noch die Sau. Diese wurde dann, mit einem Strick um den Hals, mit vereinten Kräften aus ihrem Stall gezerrt. Die Sau ahnte, was ihr bevorstand, und sträubte sich mit ganzer Kraft. Sie stemmte sich gegen die Laufrichtung, während sie schrie wie am Spiess. Dieses verzweifelte Schreien hatte erst in dem Moment ein Ende, als sich der Bolzen tief in den Kopf des Tieres senkte und die Sau tot umfiel.
Für mich als Kind waren das sehr eindrückliche Szenen, die sich tief eingebrannt haben. Der Todeskampf, das verzweifelte Sträuben, die Angst, die Schreie.
Wenn ich heute sehe, was sich auf dem Arbeitsmarkt abspielt, werde ich an diese Szenen erinnert. Die Unterschiede: Keine Tiere müssen daran glauben, es sind Menschen, es fliesst kein Blut, und man hört niemanden in Todesangst schreien.
Dass künstliche Intelligenz, beziehungsweise die mit ihr verbundenen Tools und Möglichkeiten, Arbeitsplätze kosten wird, scheint sich mittlerweile herumgesprochen zu haben. Manche Unternehmen entlassen bereits massiv. Den meisten Menschen ist klar geworden, dass wir mit KI eine Technologie entwickelt haben, die alles, was sich digitalisieren lässt, besser und effizienter erledigt, als Menschen es je können werden.
Nun stellt sich mir die Frage: Wie reagieren Menschen, wenn man ihnen, symbolisch gesprochen, das Bolzenschussgerät an die Stirn hält?
Eine Studie des MIT — The GenAI Divide: State of AI in Business 2025 der NANDA-Initiative — hat 300 KI-Implementierungen analysiert und 150 Führungskräfte sowie 350 Mitarbeitende befragt. Das Ergebnis: Rund 95 % der Enterprise-KI-Piloten liefern keinen messbaren Wertbeitrag. Die Gründe dafür sind nicht monokausal: schlechte Datenqualität, unklare Use Cases, fehlende Governance, schwache Integration. Aber einer dieser Gründe lässt sich präzise so beschreiben: Menschen empfinden KI als Bolzenschussgerät. Wer will sich schon gerne als Sau fühlen, die zur Schlachtbank geführt wird?
Und hier hat die Metapher einen feinen, fast bösartigen Haken.
Die Sau ahnt, was kommt, und sträubt sich. Sie hat keine Wahl, sie zieht den Wagen nicht selbst. Anders der Mensch im Büro, in der Werkstatt, im Konstruktionsbüro. Er bekommt eine KI als "Assistenten" an die Seite gestellt — Co-Pilot, Helfer, Effizienz-Booster. Die Wörter klingen harmlos, fast einladend. Doch jeder Prompt, jede Korrektur, jedes "die zweite Variante ist besser" ist Trainingsmaterial. Der Mensch zeigt der Maschine, wie er denkt, wo er Fehler macht, was Qualität von Mittelmass unterscheidet — und mit jeder Eingabe lernt das System, ihn besser zu imitieren. Hat es genug gelernt, ist der Lehrer entbehrlich.
Anders gesagt: In dieser Schlachtordnung spannt das Tier sein eigenes Bolzenschussgerät — und tut es mit dem Eindruck, freiwillig zu helfen.
Was die Sau nicht hatte, hat der Mensch: ein Bewusstsein. Und einen Selbsterhaltungstrieb. Schweine, das nur am Rand, sind ohnehin sehr intelligente Tiere — die "Dummheit" ist ein Klischee. Wenn Menschen merken, dass sie sich bildlich ihr eigenes Grab schaufeln, setzen sie sich zur Wehr. Nicht laut, nicht spektakulär, ohne Zeter und Mordio. Sondern still und schweigend, indem sie die Zusammenarbeit mit der KI boykottieren — Tools nicht nutzen, halbherzig prompten, parallel mit ChatGPT auf dem privaten Handy arbeiten und die offizielle Lösung umgehen. Genau dieses Verhalten dokumentiert die MIT-Studie als "Shadow AI Economy".
Wenn Unternehmen KI zur Effizienzsteigerung einsetzen wollen, sollten sie sich im Vorfeld gut überlegen, was sie ihrer Belegschaft an Sicherheiten bieten können. Das ist eine der grössten Führungsherausforderungen unserer Zeit: Aufgaben für Menschen zu finden, die neben KI Bestand haben und gleichzeitig einen Mehrwert für das Unternehmen schaffen. Und Menschen dazu zu bewegen, sich umzuorientieren — auch in fortgeschrittenem beruflichem Alter, eventuell in vollkommen neuen Tätigkeitsfeldern.
Auf der anderen Seite müssen Mitarbeitende verinnerlichen, dass lebenslanges Lernen keine Floskel mehr ist, sondern Existenzbedingung. Wer Lernbereitschaft verweigert, fällt aus dem Raster.
Die gute Nachricht: Die neuen Felder werten menschliche Arbeit eher auf als ab. Repetitives, im Grunde stupides Bearbeiten kann KI übernehmen. Menschen werden gebraucht für das, was heute in vielen Unternehmen zu kurz kommt — kreative Denkprozesse, Urteilsbildung in Mehrdeutigkeit, Innovation. Nur muss diese Verschiebung jemand führen. Sie geschieht nicht von allein.
Aktuell sehe ich davon wenig Bewegung. Nicht im Bildungssystem, das Berufseinsteiger immer noch als "fertiges Humankapital" entlässt, statt sie auf permanentes Lernen vorzubereiten. Nicht bei Unternehmen, die KI einführen, ohne den Schutzbedürfnissen ihrer Belegschaft eine Antwort zu geben. Nicht in der Politik, die das Tempo der Veränderung nicht annähernd einholt. Dieses Nicht-Reagieren ist in einer Zeit exponentieller Veränderung der gefährlichste Trend von allen.
Die Welt hat sich in den vergangenen dreissig Jahren fundamental gewandelt. Höchste Zeit, dass wir unsere Betriebssysteme angleichen. Wer als Unternehmen jetzt reagiert, wird zu den Vorreitern zählen. Wer es nicht tut, wird vermutlich bald nicht mehr existieren.
Eine letzte Frage bleibt — und sie sollte jede Geschäftsleitung umtreiben, die gerade KI ausrollt: Wer in unserem Unternehmen spannt das eigene Bolzenschussgerät? Und ist man sich dessen bewusst?