Was wir Kindern nicht lehren sollten
Wenn es um Bildung geht, fragen wir meist, was wir Kindern und Jugendlichen beibringen sollen. Was darunter fast verschwindet, ist die umgekehrte Frage: Was sollen wir ihnen nicht beibringen, oder genauer: wovor sollten wir sie schützen?
Die Neurowissenschaft hat darauf seit Jahrzehnten eine relativ klare Antwort. Das menschliche Gehirn befindet sich bis etwa zum zwanzigsten Lebensjahr in einer Reifephase, und gerade in den ersten zehn bis zwölf Jahren ist es darauf angewiesen, die Welt analog zu erfahren. Wie sich Holz anfühlt, wie Gras riecht, wie sich der eigene Körper im Raum bewegt. Der Neurowissenschaftler Prof. Lutz Jäncke betont, dass Motorik und Kognition eng miteinander verbunden sind: Jene Hirnregionen, die motorische Abläufe sequenzieren, sind dieselben, die später unsere Gedanken und unsere Sprache strukturieren. Fokussierung, Konzentration und soziale Kompetenz entwickeln sich in dieser Phase fast ausschliesslich im analogen Raum.
Wer also glaubt, einem Kind einen Gefallen zu tun, wenn es früh ein Tablet oder ein Smartphone in die Hand bekommt, unterliegt einem Trugschluss. Den Umgang mit Geräten lernen Jugendliche im Handumdrehen. Was sich aber nicht nachholen lässt, sind die analogen Grundlagen. Im Gegenteil hört man von Eltern und Lehrpersonen immer wieder, dass die viel beschworene digitale Kompetenz jener Generation, die mit dem iPad aufgewachsen ist, oft nicht weiter reicht als das Wischen durch Apps.
Wenn die Befunde so eindeutig sind, warum handeln wir nicht entsprechend? Eine Antwort liegt im Klima, in dem wir uns als Gesellschaft bewegen. In Zeiten multipler Krisen schwindet das Vertrauen in Politik und Institutionen, und mit ihnen wird auch die Wissenschaft zunehmend zur Verhandlungsmasse. Sie gilt vielen als Büttel eines Systems, dessen Botschaften ihm in die Hände spielen sollen. Diese Skepsis trifft auf eine Informationslage, in der Falschinformation und seriöse Forschung sich auf derselben Bildschirmoberfläche begegnen und sich kaum noch unterscheiden lassen. Eine Mahnung von Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftlern hat in diesem Geräusch nur eine geringe Chance, gehört zu werden.
Die zweite Antwort ist struktureller und unbequemer. Der Investor Albert Wenger nennt Aufmerksamkeit das neue Kapital, und der Begriff Aufmerksamkeitsökonomie ist mehr als eine Modewendung. Was wir anschauen, wem wir zuhören, womit wir unsere Stunden füllen, prägt uns. Jäncke beschreibt das nüchtern: Ein Grossteil dessen, was uns auf TikTok, in YouTube Shorts oder in den algorithmisch sortierten Feeds entgegenkommt, ist nach seiner Einschätzung Bullshit. Sinnlose Information, die uns nicht weiterbringt, aber unsere Orientierungsreaktion immer wieder auslöst und mit jedem Wisch eine kleine Dopaminausschüttung erzeugt. Wir werden, wie er es nennt, zu Sklaven der Reize, die wir gar nicht ausgewählt haben. Daran ist nichts zufällig. Die grossen Plattformen unterhalten Forschungsabteilungen mit dem ausdrücklichen Ziel, Bildschirmzeit zu verlängern.
Vor diesem Hintergrund kann der Schutzauftrag, von dem hier die Rede ist, nicht in einem pauschalen Verbot bestehen. Jäncke selbst warnt davor, in Verboten die Lösung zu sehen, und plädiert stattdessen für jene Selbstdisziplin, die uns überhaupt erst in die Lage versetzt, der nächsten Reizverlockung zu widerstehen. Aber gerade weil Selbstdisziplin sich entwickeln muss, brauchen Kinder Räume und Phasen, in denen sie davon entlastet sind. Das Smartphone-Verbot in der Primarschule, ein deutlich späterer Erstkontakt mit dem eigenen Gerät, klare Regeln zu Hause und ein didaktischer Einsatz digitaler Werkzeuge, der Ablenkung gezielt ausschliesst, sind keine Rückwärtsbewegungen. Sie sind die strukturellen Voraussetzungen dafür, dass sich in einem Kindergehirn jene Grundlagen ausbilden können, auf denen Aufmerksamkeit, Konzentration und Urteilsfähigkeit in einer digitalen Welt überhaupt erst gedeihen.
Was der gewohnte Konsum von Katzenvideos und KI-Slop mit uns macht, lässt sich nur erahnen. Bei Kindern, deren Gehirn noch in der Reifephase steckt, sollte uns das nicht nur zu denken geben. Es sollte uns zum Handeln zwingen.